Image: Lernen von „Avatar“In der Studie „Vision AVTR“ von Mercedes-Benz sollen Fahrer und Fahrzeug zu einer bionischen Einheit verschmelzen. | Daimler AG
NewsInnenraumdesign der Zukunft

Lernen von „Avatar“

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Wenn Autos autonom fahren, hat das große Auswirkungen auf den Innenraum. Auto und Fahrer verschmelzen künftig zu einer biometri­schen Einheit, Fahrzeuge vergrößern bei Bedarf den Innenraum, alle Flächen werden zum Mega-Touchscreen – die Automobil­branche erfindet das Interieur neu. Mit dabei: „Avatar“-Regisseur James Cameron.

02. Juli 2020

Stromlini­en­för­mige Lichteffekte fließen durch das dunkle Innere. Sie bewegen sich auf ein undefinier­bares Etwas zu. Das bewegt sich, es hebt und senkt sich im sanften Rhythmus. Atmet das Ding etwa? Ein Mann streckt behutsam die Hand aus. Ein Lichtreiz flammt auf, als er das Objekt berührt. Dreidimen­sio­nale Bilder der Umgebung flackern über eine Fläche vor ihm. Dann startet die E-Maschine der neuen Mercedes-Benz-Studie „Vision AVTR“ – und Daimler-Chef Ola Källenius steuert den Elektrowagen auf die Bühne der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas. 

Die Studie „Vision AVTR“, die Mercedes-Benz Anfang Januar im US-Bundesstaat Nevada so stimmungs- wie geheimnis­voll präsentierte, war ein besonders spektaku­läres Highlight der Elektronik­messe. Ein futuristi­scher Entwurf der Mobilität von Morgen, der sehr an Science-Fiction erinnerte. Kein Wunder, hatte doch Regisseur James Cameron am Design mitgewirkt – jener Filmemacher, dessen Blockbuster „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ nach Start im Jahr 2009 zehn Jahre lang mit einem Einspiel­ergebnis von knapp drei Milliarden US-Dollar als der erfolgreichste Film aller Zeiten galt.

Maschine und Mensch werden „biometri­sche Einheit“

Die Studie „Vision AVTR“ – der Name spielt auf den Film an, steht aber auch für „Advanced Vehicle Transfor­ma­tion“ – hat ein wesentli­ches Element aus der „Pandora“-Filmwelt von James Cameron aufgenommen: Ähnlich wie im Erfolgsstreifen „Avatar“ verbinden sich Maschine und Mensch zu einer „biometri­schen Einheit“, wie es bei Mercedes-Benz heißt. Der Nutzer platziert zum Beispiel seine Hand auf der Mittelkon­sole, das Fahrzeug erkennt den Fahrer an seiner Atmung, das Interieur erwacht zum Leben.

Und neben dem im Atemrhythmus pulsierenden Steuergerät verfügt das Konzeptmo­dell über weitere Besonder­heiten: den nussscha­len­för­migen Sitz aus veganem Leder und recycelten Plastikfla­schen etwa; die kompostier­bare Batterie, die durch 33 kleine Solar-Panels mit Sonnenen­ergie wieder aufgeladen werden kann; oder der Boden aus einem speziellen Holz namens Karuun auf Rattan-Basis, das besonders schnell nachwächst. Der Mercedes-Benz „Vision AVTR“ ist Daimlers Versuch, die Mobilität von morgen faszinie­rend und nachhaltig zugleich zu gestalten – und ein gutes Beispiel dafür, wie sich der Fahrzeugin­nen­raum künftig wandeln wird, wenn Autos autonom und mit alternativen Antrieben fahren.

Während der Fahrt „arbeiten, essen, spielen“

„Der große Wandel wird kommen, wenn die Autos tatsächlich vollauto­ma­tisch fahren“, sagt Lutz Fügener, Professor für Transpor­ta­tion Design an der Hochschule Pforzheim. Denn wenn der Fahrer zum Mitfahrer wird, will er sich mit anderen Dingen beschäftigen, während er von A nach B rollt. Das ist eine der großen Herausfor­de­rungen für das Innenraum­de­sign. „Wenn der Fahrer künftig nicht mehr hinter dem Steuer sitzen muss, wird sich das Auto zu einem erweiterten Lebensraum wandeln“, sagt auch Han Hendriks, Technischer Direktor beim Innenraum­ent­wickler Yanfeng aus China. Experten nennen diesen neuen Lebensraum „Third Space“: Autonome Autos sollen hierbei zur Schnittstelle zwischen Arbeitsplatz und Zuhause werden. „Nun kann ich während der Fahrt arbeiten, essen, spielen“, beschreibt Hendriks die Veränderungen durch das Autonome Fahren. Auch bisher eher vernachläs­sigte Flächen wie etwa der Dachhimmel eines Autos werden deshalb künftig an Bedeutung gewinnen.

Innenraumstudie von FaureciaIntelligente Sitze sorgen bei der Innenraumstudie von Faurecia für mehr Komfort.

Einen Ausblick darauf, was möglich sein könnte, zeigt Yanfengs Konzeptfahr­zeug XiM20. Die Audioanlage etwa erkennt durch Sensoren automatisch auf den Millimeter genau, an welcher Stelle des Autos gerade welcher Passagier sitzt. Über Lautspre­cher im Dachhimmel kann die Musik an der entsprechenden Stelle im Fahrzeug ausgespielt werden. Die Interieur-Ingenieure von Faurecia haben ein ähnliches Konzept entwickelt, das ebenfalls auf der diesjährigen CES vorgestellt wurde. Dort wird allerdings nicht der Dachhimmel, sondern die Kopfstütze zum individu­ellen Soundsystem. Der französi­sche Zulieferer hat dafür Ohr-Tracking-Sensoren entwickelt, die es ermöglichen auch Telefonate mit dem Smartphone über die Kopfstützen zu führen.

Neben der Kopfstütze ist auch der Sitz eine wichtige Kontaktfläche zwischen Mensch und Auto. Automobil-Zulieferer Brose zum Beispiel bietet Sitzsysteme an, die den Fahrzeugin­nen­raum bei Bedarf zum Büro machen. Auf Knopfdruck wird der eigene Platz zum Bürostuhl. Ablagen und Mini-Schreibtisch fahren aus dem Cockpit heraus. Und wenn sich der Fahrer von der Arbeit erholen will, kann er im von Brose entwickelten „Loungemo­dus“ mit integrierter Massage entspannen. Der Stuhl fährt in eine Liegeposi­tion und die Sitze kneten den Passagier sanft im Rhythmus der Musik durch. Der Sitzprototyp von der französi­schen Firma Faurecia soll sogar Pulsschlag, Atemfrequenz, Blickwinkel und weitere biometri­sche Daten während der Fahrt erfassen können. So sollen Sitze künftig erkennen, ob der Fahrer gerade gestresst oder müde ist – die Sitzposi­tion wird entsprechend angepasst.

Das Auto wird zum Riesen-Touchscreen 

Bereits heute nicht mehr wegzudenken aus modernen Autos sind Touchscreen-Displays. Radio oder Klimaanlage lassen sich in vielen Fahrzeugen bequem per Fingerwi­schen steuern. Neue Bildschirm-Maßstäbe will das chinesische Start-up Byton setzen: Im elektrischen SUV M-Byte, der ab 2021 über die Straßen rollen soll, wird serienmäßig ein 48-Zoll großer Bildschirm enthalten sein, der sich in voller Breite über die Armaturen­tafel streckt. Zusätzlich sind auch ins Lenkrad und in die Mittelkon­sole je ein Touchpad integriert. Zulieferer wie Continental und Bosch haben bereits Touchscreens produziert, die haptisches Feedback geben können – der Nutzer hat das Gefühl mit dem Finger über echte Knöpfe zu streichen. Der Fahrer soll die Screens so intuitiver bedienen können und die Augen nicht mehr von der Straße abwenden müssen, um die richtige Stelle auf dem Display zu finden.

Der chinesische Zulieferer Yanfeng geht noch weiter. Im autonom fahrenden Konzept-Fahrzeug der Chinesen wird der ganze Innenraum zur Touchscreen-Fläche. Hinter der extrem feinen, stoffbespannten Seitenver­klei­dung der Studie XiM20 sind ultradünne Displays verborgen, die durch das Material hindurch­scheinen. Sogar Holzflächen sollen so in das digitale Allround-Display integriert werden. Die Idee dahinter: Infotain­ment-Elemente könnten so künftig überall im Auto bedient werden. Das schafft gleichzeitig viele neue Berührungs­punkte. Und damit der Wagen immer hygienisch sauber bleibt, hat Yanfeng auch gleich ein passendes Hygiene-System entwickelt: Alle Flächen, mit denen Fahrgäste in Kontakt kommen, werden mit „Desinfek­ti­ons­lam­pen“ durch UV-Licht gereinigt.

Sharing-Dienste haben besondere Anforderungen

Studien wie der Yanfeng XiM20 oder der VW Sedric sind von innen nach außen designt. „Wenn man ein Auto von der Nutzung her betrachtet, also von innen nach außen, dann kommt man am Ende immer auf einen Quader als bestmögliche Form, auf eine Art Kleinbus-Volumen“, erklärt Design-Professor Lutz Fügener die gewöhnungs­be­dürf­tige Form vieler Studien-Fahrzeuge. Viele neue Fahrzeug­kon­zepte sollen auch bei Sharing-Diensten oder als sogenannte People-Mover zum Einsatz kommen können.

2019 waren allein in Deutschland mehr als 2,5 Millionen Menschen bei Sharing-Diensten angemeldet. Renault probt derzeit den Spagat, ein Auto zu konzipieren, das sowohl für Sharing-Dienste als auch für Privatmen­schen interessant sein könnte. Der Konzeptwagen Renault Morphoz soll deshalb schrumpfen und wachsen können. Heck und Front können um je 20 Zentimeter ausfahren, die Fahrzeug­länge beträgt maximal 4,80 Meter. Im Auto selbst wird es bei Bedarf also geräumiger, im Kofferraum ist dann Platz für ein Gepäckstück mehr. Zudem kann der Beifahrer­sitz um 180 Grad gewendet werden.

Auch die beiden Vordersitze des Byton M-Byte sind bei Stillstand jeweils um zehn Grad eindrehbar, um die Kommunika­tion zwischen Fahrer und Beifahrer zu stärken. Ein Vorgriff darauf, dass Bytons E-SUV künftig auch autonom fahren soll, heißt es von Seiten des Herstellers. Noch kann der Wagen zwar nicht autonom fahren – das Interieur jedoch ist seiner Zeit bereits voraus. Die Zukunft kann kommen.