Image: Vorhang auf für die Showcars!Showcars bieten einen guten Blick auf das, was die automobile Zukunft bringen kann – oder wird. | Arand
NewsFahrzeugstudien und Konzeptfahrzeuge

Vorhang auf für die Show­cars!

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Ihre Präsenta­ti­ons­ter­mine sind so unverrückbar wie das Weihnachts­fest. Gerüchte über sie werden medial gestreut. Manches wird angedeutet. Vieles ist noch streng geheim. Showcars stellen technolo­gi­sche und gesellschaft­liche Konventionen infrage und sind die eigentli­chen Stars der Automobil- und Technikmessen.

09. April 2019

Es sieht so einfach aus, aber zum feierlichen Enthüllen auf einer der großen Automobil­shows in Frankfurt am Main, Paris oder Tokio braucht es mehr als ein rotes Tuch. Dahinter steht eine ganze Choreografie aus Musik, Tänzern, Multimedi­a­ef­fekten und Filmeinlagen. Und dann der große Augenblick: Die grazile Handbewe­gung, mit der das Tuch vom Wagen gezogen wird, Blitzlicht­ge­witter, Applaus der anwesenden Fans, Journalisten und Influencer. Doch es sind nicht immer die heißesten Coupés, Kombis oder Geländewagen, die das Licht der Öffentlich­keit erblicken. Ebenso werden Fahrzeug­stu­dien oder Konzeptfahr­zeuge gezeigt. Die oft ungewöhn­li­chen Modelle reichen von reinen Designmo­dellen ohne technisches Innenleben bis hin zu straßentaug­li­chen Exponaten. „Larger than life“ ist dabei oft ein Attribut der Stars: futuristisch, exaltierte Karosse, flach und betont dynamisch, aus neusten Werkstoffen, ein perfekt abgestimmtes Interieur mit den neusten Gadgets und visionärer Multimedia­aus­stat­tung. Die Fotos und Videos, die um die Welt gehen, sind der Schlüssel zur medialen Verbreitung eines jeden Konzeptauto-Mythos, der bis ins letzte Detail genauestens geplant ist.

American Way of Cars

Erfunden wurden Showcars in den USA. Harley Earl, Autoschrauber aus Kalifornien, leitete von 1927 bis 1958 die Designab­tei­lung von General Motors. Mit dem Buick Y-Job brachte er 1939 das erste Einzelstück eines Massenher­stel­lers für Shows und Messen heraus. Allein das Publikum sollte über dessen Serienent­wick­lung entscheiden. Designkon­kur­rent George Barris war es dann, der im Auftrag der Filmstudios Twentieth Century einen 1955er Lincoln Futura für das Fernsehen umbaute: schwarzer Lack mit feuerroten Seitenli­nien und Konturen, einer vertikalen, dreiröhrigen Auspuffan­lage im Fond sowie das Fledermaus-Emblem auf Türen und Felgen. Das Batmobil war geboren. Damit kam der Weltruhm, mehrere Generationen der Fledermaus auf Rädern ließen sich von Barris’ Wirken inspirieren. Für das A-Team baute er den schwarzen Van, für David Hasselhoff alias Michael Knight den Sportwagen KITT. So ist Hollywood bis heute ein wichtiger Treiber der Showcar-Faszination.

Utopien auf Rädern

Showcars sollen aber auch abseits der Fiktion das Unvorstell­bare möglich machen und die öffentliche Diskussion über die Zukunft von Mobilität anregen. Die Jahre 1897, 1995 und 2015 waren dabei besonders spannend: Mit dem Patent-Motorwagen begann auch die Ära der Automessen. Der CCR-1 des koreanischen Herstellers SsangYong war der erste elektrisch angetrie­bene Sportwagen. Und das eiförmige „Firefly“ von Google stellte das erste Auto ohne Lenkrad dar. Alle drei Studien haben die Welt radikal verändert: Der Verbrennungs­motor ersetzte die Pferdekut­sche, der Elektro- den Verbrennungs­motor und ein Algorithmus den Fahrer. Zugleich liefern Showcars wichtige Hinweise, was Kunden wollen und brauchen. Ist die Reaktion des Publikums enthusias­tisch genug, kann manches Merkmal oder auch gleich die ganze Karosse zur Serie avancieren. Porsche präsentierte 1983 auf der IAA die Supercar­studie „Gruppe B“ und sammelte dafür so viele Anfragen ein, dass sie schließlich als Porsche 959 in den Handel ging.

Das Unikat wird zum Mainstream

Ebenso war der Schritt von den Elektrofahr­zeug­stu­dien i3 und i8 des Herstellers BMW, die erstmals 2009 auf zu sehen waren, zur gleichna­migen Serie vier Jahre später nicht mehr groß. Mit der wachsenden Anzahl von Messen ist jedoch die Zahl der Showcars rapide gestiegen. Denn die Automobil­in­dus­trie ist längst auch auf angesagten Events wie dem Kreativfes­tival South by Southwest oder der Elektronik­messe CES, um neue Käufergruppen zu erschließen. Zudem nutzen selbst Zulieferer und Marken, die eher für Klein- und Kompaktwagen stehen, die großen Bühne und zeigen gerne eskapisti­sche Zukunfts­stu­dien. Kia zeigte beispiels­weise auf der CES 2019 das Konzeptfahr­zeug „Space of Emotive Driving“, das mithilfe künstlicher Intelligenz das Interieur der Gefühlslage des Fahrers anpasst. Schaeffler stellte seinen „Bio-Hybrid“, ein Pedelec als Passagier- und Cargovari­ante für die Stadt der Zukunft, vor. Showcars sind heute wesentlich vielfältiger, aber auch ein Stück weit Mainstream geworden.