Image: „Revival“ des eigenen Autos?Der Wunsch nach einem eigenen Fahrzeug steigt während der Corona-Krise. | Valerii Apetroaiei
Autonomes FahrenMobilität nach der Krise

„Revi­val“ des eigenen Autos?

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Wie verändert die Corona-Krise das Mobilitäts­ver­halten? Will man sich zum Beispiel mit Fremden in ein Car-Sharing-Mobil setzen? Verschie­dene Studien sehen den Privat-Pkw als großen Gewinner der Pandemie – und Technolo­gien für das autonome Fahren.

10. Juni 2020

Das sind Schlagzeilen, die man in der Automobil­in­dus­trie gerne liest: „In der Krise wächst die Lust am eigenen Auto“, titelte das „Handelsblatt“ Mitte Mai. Und der Berliner „Tagesspie­gel“ schrieb, ebenfalls im Mai: „Corona hebt Wohlfühl­faktor des Autos.“ Hintergrund für beide Beiträge sind aktuelle Studien, die einen Wandel der Mobilität im Zusammen­hang mit der Corona-Pandemie untersuchen. Denn das sind derzeit die großen Fragen: Müssen nach der Corona-Krise Mobilitäts­stra­te­gien neu gedacht werden? Geschäfts­mo­delle neu aufgestellt werden? Wollen sich die Menschen mit anderen ein Ride-Sharing-Mobil teilen, wenn man in fast allen Lebensbe­rei­chen auf Abstand geht? Eine Branche sucht nach Antworten – Studien von Wissenschaft­lern und Automotive-Beratungs­un­ter­nehmen liefern Orientie­rungs­hilfen.

Das Institut für Verkehrs­for­schung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) hat untersucht, wie sich die Corona-Krise auf das Mobilitäts­ver­halten der deutschen Bevölkerung auswirkt. Die Forscher interessierten sich vor allem dafür, welche Verkehrs­mittel die Befragten in der Krise nutzen und wie wohl sie sich dabei fühlten. „Es ist eindeutig, dass die Corona-Pandemie unser Mobilitäts­ver­halten grundlegend verändert. Insbeson­dere die öffentli­chen Verkehrs­mittel müssen eine Durststrecke überbrücken und brauchen Unterstüt­zung. Vieles weist darauf hin, dass Auto und auch Fahrrad als Gewinner aus der Krise hervorgehen werden", so Prof. Barbara Lenz, Direktorin des DLR-Instituts für Verkehrs­for­schung.

Wohlfühl­faktor Privatauto

Fast alle Befragten gaben an, sich im Auto wohler oder genauso wohl zu fühlen wie vor der Krise. Das ist bei keinem anderen Verkehrs­mittel der Fall. Zu den großen Verlierern gehören alle öffentli­chen Verkehrs­mittel. Ob Nahverkehr, Fernverkehr, Car-Sharing oder Flugzeug: Die Nutzung bricht ein, Menschen fühlen sich deutlich unwohler bei der Nutzung oder bei der Vorstellung, sie zu nutzen. „Im Kontext der Corona-Krise kann man durchaus von einem ‚Revival‘ des Privatautos sprechen. Das Gefühl der eigenen Sicherheit scheint aktuell die Auswahl des Verkehrs­mit­tels stark zu beeinflussen", so Instituts­di­rek­torin Lenz weiter. „Überraschen­der­weise vermissen besonders viele junge Städter in dieser Situation das eigene Fahrzeug.“

Zu dem Ergebnis kommt auch eine Studie der Beratungs­ge­sell­schaft Capgemini. Erstmals seit Jahren steigt bei der Bevölkerungs­gruppe der unter 35-Jährigen das Interesse an einem eigenen Auto wieder. 45 Prozent der jüngeren Kunden, die bislang kein Auto besaßen, überlegen nun, sich in den kommenden Monaten einen eigenen Pkw anzuschaffen. „Individu­elle Mobilitäts­an­ge­bote sind auf dem Vormarsch, also beispiels­weise das eigene Auto“, sagte Sebastian Tschödrich, Mobilitäts­ex­perte bei Capgemini, im „Handelsblatt“.

Beliebtestes Fortbewe­gungs­mittel? Das Auto!

Das unterstreicht eine weitere Umfrage der Boston Consulting Group (BCG). Auch hier lag das Auto an erster Stelle der beliebtesten Fortbewe­gungs­mittel. Das bekommen Anbieter von Ride- und Car-Sharing-Angeboten zu spüren. Das Ride-Sharing-Unternehmen Moia zum Beispiel stellte seine Dienste ab 1. April weitestge­hend ein – ab dem 25. Mai wurde in Schlüssel­märkten wie Hamburg ein neuer Anlauf gestartet. Ob das gelingt? So gaben in der BCG-Studie 35 Prozent der Befragten an, dass sie kurze Strecken entweder mit dem Fahrrad zurücklegten – oder gleich zu Fuß gingen.

Das sind neue Herausfor­de­rungen auch für die Verkehrs­pla­nung. „In Ballungs­zen­tren müssen wir damit rechnen, dass öffentliche Verkehrs­mittel unter dem Eindruck der Corona-Pandemie noch seltener die erste Wahl der Menschen sein werden, um von A nach B zu kommen“, sagt Gerd Gröbminger, Vice President Sales bei Kapsch TrafficCom, einem Anbieter von Verkehrs­ma­nage­ment-Lösungen. „Nach ersten Lockerungen sehen wir schon heute, dass das Auto verstärkt genutzt wird. Das Verkehrs­ma­nage­ment wird schnellst­mög­lich darauf reagieren müssen.“

Reibungs­loser Verkehrs­fluss ist große Herausfor­de­rung

Die Überlastung der Straßen ist über die Pandemie hinaus eine langfris­tige Entwicklung: Wichtiger Treiber sind stark steigende Zulassungs­zahlen. So ist der Pkw-Bestand in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland auf zuletzt 47 Millionen Fahrzeuge bis Ende 2019 gestiegen – das ist ein Plus von 14 Prozent oder 5,8 Millionen Autos. „Wir haben bereits technische Antworten, um einen reibungs­losen Verkehrs­fluss in Zeiten mit sehr großem Verkehrs­auf­kommen herzustellen", sagt Gerd Gröbminger. Neben dem effizien­teren Auflösen von Störungen ginge es auch darum, die Fahrzeug-Infrastruktur in öffentliche Leitsysteme zu integrieren, Ampeln damit besser adaptiv zu steuern oder Routen intelligent auszuwählen.

Allerdings ist durch die Corona-Krise mit harten Einschnitten zu rechnen. Das bekommen insbeson­dere Mobilitäts-Start-ups zu spüren, ergibt eine Untersuchung der Unterneh­mens­be­ra­tung Oliver Wyman. Während die Newcomer 2019 dank immenser Kapitalspritzen rasch an Reife gewinnen konnten, zeigen sich jetzt erste Anzeichen abnehmender Investitionen. „Es sind zunehmend Autohersteller und große Tech-Unternehmen, die durch den Zukauf von Startups Innovati­ons­kraft an Bord holen“, sagt Andreas Nienhaus, Partner bei Oliver Wyman. „Dass diese im Zuge der Corona-Krise das hohe Investiti­ons­vo­lumen beibehalten werden, wird immer unwahrschein­li­cher, denn die Krise trifft insbeson­dere die Autohersteller hart.“ 

Social Distancing dank selbstfah­renden Autos

Allerdings gibt es Hoffnung durch Technolo­gie­trends wie das autonome Fahren. „Selbstfah­rende Fahrzeuge werden zwar zunächst aufgrund der Krise Unterbre­chungen bei der Entwicklung sehen, Investitionen könnten krisenbe­dingt zurückge­hen“, heißt es bei Oliver Wyman. „Jedoch gibt es auch große Chancen: Selbstfah­rende Autos dürften mit Blick auf ‚Social Distancing‘ gefragter sein denn je.“