Image: Eine Nation an der SteckdoseMehr Autos an die Steckdose – aber wie? Und welche Folgen hat eine zunehmende Elektromobilität? | nrqemi
NewsE-Mobilität: Vorbild Norwegen?

Eine Nation an der Steck­dose

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Ein Land ohne Autohersteller macht es vor: In Norwegen haben Elektrofahr­zeuge den weltweit höchsten Marktanteil. Flächende­ckende Ladesäulen und staatliche Anreize beflügeln den Siegeszug der Elektromo­bi­lität. Ein Vorbild für Deutschland?

Während allerorts über Elektromo­bi­lität geredet, fährt in Norwegen inzwischen jeder zweite Neuwagen ganz oder teilweise mit Strom. Nirgendwo in Europa gibt es mehr Elektroautos als in dem skandina­vi­schen Land mit gerade mal 5,1 Millionen Einwohnern. Mit den Plug-in-Hybriden besteht die Elektroflotte aus fast 300.000 Autos. Damit rangiert das kleine Norwegen hinter China und den USA als wichtigster Absatzmarkt auf Rang drei. Und in Deutschland? Nach Angaben des Verbandes der Automobil­in­dus­trie (VDA) wurden 2018 insgesamt 67.500 Elektroautos zugelassen, davon 31.400 Plug-in-Hybride. Insgesamt liegt der Marktanteil für elektrisch betriebene Fahrzeuge damit gerade mal zwei Prozent. Wie hat es also Norwegen geschafft, die Elektromo­bi­lität soweit voranzubringen? Das Land hat sich hohe politische Ziele gesteckt: Ab dem Jahr 2025 sollen nur noch emissions­freie Autos verkauft werden.

Staatliche Anreize für Elektromo­bi­lität

Schon seit dem Jahr 1989 fördert die Politik die E-Mobilität in Norwegen mit weitreichenden Förderpro­grammen. Das hat im Land der Wikinger zur Folge, dass hochprei­sige Modelle der US-amerikani­schen Herstellers Tesla S genauso begehrt sind wie ein VW Golf. Der Grund: Bei der Zulassung eines Autos mit Diesel- oder Ottomotor fällt in der Regel eine Steuer an, die auf Motorleis­tung und Emissionen basiert und bis zu 20.000 Euro betragen kann. Diese entfällt bei rein elektrisch-betriebenen Autos und Plug-in-Hybriden gänzlich. Zudem muss keine Kfz-Steuer entrichtet werden, auch die Mehrwert­steuer, die immerhin 25 Prozent beträgt, entfällt. Auch Firmenwagen und Leasingnehmer kommen in den Genuss von Steuerre­du­zie­rungen. Und bis vor kurzem mussten Elektrofahr­zeuge mit dem „EL“-Kennzeichen keine Mautgebühren zahlen und konnten kostenlos parken. Da es Norwegen schnell passiert, dass die breite und gut ausgebaute Straße auf einmal an einem kleinen Fährhafen endet, waren für Elektroautos außerdem bestimmte Fährstre­cken gebühren­frei. Mittlerweile gelten solche Abgaben auch für Fahrer alternativer Antriebe, aber nur bis zur Hälfte des normalen Preises.

Vorfahrt für E-Autos

Auch im alltägli­chen Straßenver­kehr haben Elektroautos in Norwegen Vorfahrt. In den Städten dürfen Fahrer die Bus- und Taxispuren benutzen, selbst in der Rushhour. Darüber hinaus steht eine massive ausgebaute Infrastruktur zur Verfügung. So gibt es heute landesweit über 10.000 öffentliche Ladesäulen. Auf den meisten Hauptver­kehrs­straßen finden sich heute alle 50 Kilometer Schnellla­de­säulen. Norwegen hat extra eine eigene staatliche Firma gegründet, die den Ausbau kontinuier­lich vorantreibt. Und das Beste dabei: Der Strom ist gratis. Das reiche Norwegen ist schließlich energetisch in einer perfekten Lage. 98 Prozent des Stroms stammt aus erneuerbaren Energien, vor allem aus Wasserkraft. Die E-Autos fahren also praktisch CO2-neutral. Doch der Nachfrage­boom hat auch Schatten­seiten. Die Autobauer kommen nicht mit der Produktion nach. Die Norweger müssen lange Wartzeiten in Kauf nehmen, und die steigt zunehmend auch an den Ladestationen. So wurde zuletzt in Oslo kurzerhand entschieden, dass das Laden von Elektroautos auf kommunalen Parkplätzen aufgrund der hohen Fahrzeug­dichte künftig nicht mehr kostenlos ist.

Vorbild für Deutschland?

Könnte sich Deutschland ein paar dieser Maßnahmen abschauen, um die Elektromo­bi­lität auch hierzulande voranzubringen? 2015 wurde das Elektromo­bi­li­täts­ge­setz EmoG verabschiedet, das Elektrofahr­zeugen Sonderrechte einräumt, beispiels­weise reservierte Parkplätze zum Tanken, Fahrten auf Busspuren, Teilbefreiung von Parkgebühren oder die Ausnahme von Zufahrts­be­schrän­kungen. Letztend­lich liegt die Entschei­dung für jede dieser Maßnahme jedoch bei den Städten und Kommunen. Und so sind die Regelungen von Ort zu Ort unterschied­lich. Seit Mitte 2016 können private und gewerbliche Käufer von neuen Elektrofahr­zeugen beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkon­trolle zudem einen Antrag auf Erhalt einer Kaufprämie stellen. Diese beträgt 4.000 Euro für reine Elektroautos und 3.000 Euro für Plug-In Hybride. Ein großes Manko bleibt in Deutschland aber die Ladeinfra­struktur entlang der Autobahnen und in Ballungs­ge­bieten.

Neue Technolo­gien für die Infrastruktur

Das Start-up Ubitricity hat für Straßenla­ternen eine Steckdose entwickelt, die relativ einfach in eine bestehende Laterne eingebaut werden kann. Kostenpunkt rund 1.000 Euro. Eine herkömmliche E-Ladesäule dagegen kostet im Schnitt bis zu 15.000 Euro. In Berlin sollen jetzt 1.000 Ladestellen an Laternen­pfählen in zwei Außenbezirke entstehen. Aber was würde passieren, wenn abends Millionen von Elektro- und Hybridautos gleichzeitig an die Ladesäule gestöpselt werden? Das Stromnetz könnte ins Wanken geraten, wie Wissenschaftler der Technischen Universität München jüngst mit Zukunfts­sze­na­rien in der Studie „Blackout – E-Mobilität setzt Netzbetreiber unter Druck“ warnten. Im schlimmsten Fall gäbe es Stromaus­fälle. Was die Forscher nicht erwähnten: Ein ungeahntes Speicher­re­ser­voir liegt förmlich auf der Straße: Die Elektroautos selbst mit ihren Batterien. In Parkposi­tion können sie zu einem virtuellen Kraftwerk verbunden werden. Schließlich wird ein Privatauto durchschnitt­lich rund 22 bis 23 Stunden am Tag nicht genutzt. Vehicle-to-Grid – kurz V2G – nennt sich das Prinzip: Anders als bei normalen Ladestationen geben dabei Autos gespeicherte Energie auch an das lokale Netz zurück oder aber sie beliefern direkt das Eigenheim. Theoretisch könnte der Akku eines E-SUV der neuesten Generation einen Haushalt bis zu zehn Tage mit Strom versorgen.