Image: Lichtkonzepte für den InnenraumEs werde Licht! Im Bereich Lichtkonzepte wird sich der Fokus von außen nach innen verlagern. | Peshkova
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Licht­kon­zepte für den Innen­raum

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Ambiente-Lichter, Ansätze wie das Human Centric Lighting oder Lösungen für autonomes Fahren – innovative Lichtkon­zepte für das Fahrzeugin­te­rieur stehen im Fokus der Zulieferer­branche.

18. Juni 2019

Unabhängig ob als Elektroauto, autonom oder teil-autonom gesteuert, Fahrzeuge entwickeln sich immer mehr zu einem persönli­chen Lebens- und Arbeitsraum, ja zu regelrechten Komfortburgen, die unseren steigenden Bedürfnissen nach Rückzug, Individua­li­sie­rung und Entertain­ment entsprechen. Und so wird das Interieur gegenwärtig neu definiert, die Innovati­ons­zy­klen sind rasant. Diverse Kooperationen und Zukäufen unter Automobil­zu­lie­fe­rern sowie neue Player aus anderen Industrie­fel­dern haben in den vergangenen Jahren für viel Bewegung gesorgt. Die zunehmende Bedeutung weckt nach einer Untersuchung der M&A-Beratung Capitalmind sogar das Interesse von Finanz- und strategi­schen Investoren. Bis 2020 soll das globale Marktvolumen für Interieur­an­wen­dungen auf über 120 Milliarden US-Dollar steigen. Neben einer immer umfangrei­cheren Enter- und Infotain­ment-Ausstattung legen die Kunden vor allem bei der Innenraum­be­leuch­tung Wert auf eine persönliche Note.

Nicht mehr reine Dekoration

Während man in den Autos der 1970er-Jahre bei Dunkelheit mit den Fingern nach Hebel und Schalter am Armaturen­brett suchte, ist das Cockpit von heute mit seinen Instrumenten und Displays umfassend illuminiert. Doch Innenbeleuch­tung ist mehr als nur die Hintergrund­be­leuch­tung der Anzeigen. In vielen Fahrzeugen, vor allem in der Oberklasse, gehören indirekt beleuchtete Elemente wie Schalter, Griffe oder Konturli­nien in den Türen und Armaturen­brett zur Grundaus­stat­tung. Wo das nicht der Fall ist, kann man es als Option in Form von Licht- beziehungs­weise „Ambiente“-Paketen dazu bestellen. Der davon ausgehende Lichteffekt hat auf dem ersten Blick eher einen ästhetischen Mehrwert, bei Dämmerung, Nachtfahrten oder längeren Tunneln allerdings helfen sie Fahrer und Insassen, den Innenraum besser wahrzunehmen und sich zu orientieren.

In der Regel kommen LEDs auf Basis von Niedervolt­sys­temen zum Einsatz, die energieef­fi­zient und langlebig sind, was sie insbeson­dere für Elektrofahr­zeuge zum Standard macht. Was aber interessanter ist: Mit dem Wegfall des klassischen Glaskolbens bisheriger Glüh- oder Energiespar­lampen sind bei diesem Licht auf Halbleiter-Basis praktisch beliebige Bauformen möglich, was Designer zu immer neuen Ideen inspiriert. In manchen Premiummo­dellen sorgen hunderte LEDs im Dachhimmel je nach Tageszeit und Stimmung für besondere Behaglich­keit. Für dynamische und mehr farbliche Effekte kann die neueste LED-Generation nicht nur weiße Farbe erzeugen, sondern den RGB-Farbraum abbilden und damit beliebige Mischfarben erzeugen. Zugleich steigt die Anzahl der LEDs im Auto immer weiter. In den aktuellen Modellen Ghost, Phantom und Wraith von Rolls Royce sind allein für den Dachhimmel über 1.300 LED-Lichtleiter verbaut. Für eine gleichblei­bende Helligkeit und Farbtreue ist jedoch eine Hochgeschwin­dig­keits­ver­net­zung der Lichtpunkte über einen integrierten Controller-Chip notwendig. Mittlerweile gibt es schon diverse Entwicklungs­pro­jekte in der Automobil­in­dus­trie auf Basis der sogenannten ISELED-Technik.

Transluzente Materialien

Der Trend zum Autonomen Fahren wird den Bedarf nach mehr Funktionen und ausgereifter Hardware noch weiter beschleu­nigen. Yanfeng Automotive Interiors, ein führender Anbieter automobiler Innenaus­stat­tung aus China, hat Anfang 2019 das Konzeptfahr­zeug „XiM20 “ vorgestellt. Die Studie zeigt, wie Menschen den Fahrzeugin­nen­raum erleben, wenn sie zukünftig nicht mehr selber fahren müssen. Das Konzept bietet Passagieren ein adaptives Interieur mit unterschied­li­chen Modi zur Auswahl. Auf dem Weg zum vollauto­ma­ti­sierten Fahren kann die Innenraum­be­leuch­tung auch zusätzliche Sicherheits­funk­tionen übernehmen. Bei einer gefährli­chen Verkehrs­si­tua­tion oder eintretender Müdigkeit könnten die Farben der Oberflächen im Innenraum wechseln. Das erhöht neben den Standard­warn­si­gnalen und Displayin­for­ma­tionen die Aufmerksam­keit des Fahrers. Dabei treten transluzente Oberflächen anstelle von hinterleuch­teten opaken Flächen aus Leder, Stoff, Aluminium oder Holz. Zulieferer Continental hat Materialien für Dekorober­flä­chen soweit entwickelt, dass integrierte Lichtquellen sich je nach individu­ellem Befinden oder der Fahrsitua­tion verändern.

Connected Light

Der Zulieferer aus Hannover sieht in solchen Stoffen den Schlüssel für die weitere Funktiona­li­sie­rung und Individua­li­sie­rung von Licht. So könnte der Innenraum zum Beispiel in Signalfarbe aufleuchten, falls Hindernisse oder andere Verkehrs­teil­nehmer zu nahekommen, und den Fahrer auf diese Weise auf die potenzielle Gefahr hinweisen. Wird im Crashfall das Airbag ausgelöst, würde das Licht automatisch auf die höchste Helligkeits­stufe wechseln, damit die Passagiere schnellst­mög­lich den Wagen verlassen können. Und schließlich sorgt die digitale Vernetzung von Fahrer und Fahrzeug für neue Feature: Sensoren erkennen, dass sich die Person dem Gefährt nähert und ein individu­elles Lichtdesign oder eine Projektion erscheint zur Begrüßung. Alternativ wählt der Nutzer per Smartphones ein Beleuchtungs­modus für den Innenraum aus. So könnten sogar beim Carsharing Lichtkon­zepte in Zukunft für mehr Individua­lität sorgen: Bevor der Fahrer in das Fahrzeug einsteigt, werden sein Profil und seine Präferenzen vom cloudbasierten Buchungs­system erfasst und dem Wagen automatisch mitgeteilt.

Support für den Biorhythmus

Auch für Nutzfahr­zeuge bieten moderne Lichtkon­zepte neue Perspektiven. Fernfahrer müssen beispiels­weise aufgrund monotoner und langer Wegstrecken stets hellwach­sein. Der Daimler-Konzern forscht daher mit einer ganzen Abteilung an unterschied­li­chen Ansätzen für das Führerhaus der Zukunft. Ob verbesserter Schallschutz, eine Belüftungs­an­lage mit entspannenden Düften, ein integrierter Seilzug oder ein Monitor, auf dem Fitnessübungen für die Fahrerka­bine abgespielt werden – viele Erfindungen sind bereits in die Produktion vergangener und aktueller Actros-Modelle eingeflossen. Dabei geht es auch um Lichtkon­zepte. Biologisch wirksames Licht, das sogenannte Human Centric Lighting, kurz HCL, kann unseren Biorhythmus unterstützen, sodass wir besser entspannen können oder konzentrierter sind. Mit angepassten Lichtein­flüssen lässt sich die innere Uhr gezielt beeinflussen – je nachdem, was gerade gefragt ist. Das „Daylight+“-Modul sorgt während der Fahrt und in den Pausen mit seiner Tageslicht­ap­pli­ka­tion für zusätzli­ches Tageslicht in der Kabine. Dadurch soll sich das subjektive Befinden der Lkw-Fahrer verbessern. Und die sogenannte Lichtdusche, angebracht im Dachhimmel, soll auf Knopfdruck nach langer Strecke wieder munter machen, indem es spezielle Rezeptor­zellen im Auge aktiviert. So wird Licht allmählich zum Tausendsassa, das nicht nur das Wohlbefinden erhöht, sondern den Fahrer zugleich auch gesund hält