Image: Bertha startet durchM PlanM Plan
Car StoriesFrauen und Autos

Bertha startet durch

Lesezeit ca.: 4 Minuten

Es ist wieder so weit: Unsere Car Stories gehen in die Verlänge­rung. Starten Sie erneut mit uns in eine Entdeckungs­tour rund um das Automobil. Zum Auftakt beginnen wir mit dem hartnäckigsten Klischee der Branche: Autos und Frauen.

18. November 2014

Frau und Auto – eine Beziehung voller Missverständ­nisse. Begann die Geschichte als erfolgreiche Partnerschaft, springt sie mittlerweile nur beladen mit nervtötenden Klischees aus der Frau-Deutsch-Wörterbuch-Schublade. Kaum gewürdigt und absolut in Vergessen­heit geraten: Viele Pionierleis­tungen in der Automobil­branche gehen auf Frauen zurück. 

Während Pin-up-Modell Zoe Scarlett an einem Hot-Rod lehnt, strahlt sie das aus, was Frauen bereits in den 20er Jahren in der Autowerbung vermitteln wollten: Weiblich­keit mit Klasse und Selbstbe­stimmt­heit – so verrückt es auch klingen mag. Denkt man heute an attraktive Frauen und Autos, schießt einem meistens der Gedanke an Formel 1 und knapp bekleidete Grid-Girls durch den Kopf. Schaut man sich die Geschichte des Automobils an, erscheint dieser Werdegang seltsam und die Klischee­kiste irgendwie absurd.

Pferdestärke ohne Pferde

Aber der Reihe nach: Frauen spielten schon ganz zu Beginn des Autos eine große Rolle. 1886 erfand Carl Benz das Automobil mit Verbrennungs­motor. Dass seine Erfindung Anklang bei den Deutschen fand, konnte er seiner Frau Bertha Benz verdanken. Neben allen unterneh­me­ri­schen und vor allem finanziellen Bemühungen durch die Mitgift ihrerseits, war sie auch die erste weibliche Autofahrerin in der Geschichte. Sie erntete viel Aufmerksam­keit, als sie sich zu einer Fernfahrt mit dem Auto von Mannheim nach Pforzheim aufmachte und durch die geglückte Reise bewies, dass diesem pferdelosen Wagen doch zu trauen sei. So zerschlug sie sämtliche Bedenken potenzieller Kunden und kurbelte mit diesem Werbeclou das Automobil­ge­schäft ihres Mannes an. Nun ja, obwohl sie und ihr automobiler Aktionismus den Weg für die Geschlechts­ge­nos­sinnen hätte ebnen sollen, ging es trotzdem bergab mit der öffentli­chen Meinung gegenüber Frauen und Autos. Die Ironie der Geschichte ist, dass Nagellack aus dem Lack der Automobil­in­dus­trie entstand.

Frau am Steuer – Ungeheuer?

Der erste Strafzettel in der Geschichte ging an eine Frau. Das stimmt. Fakt ist aber auch, dass eben diese französi­sche Herzogin mit Knöllchen 1898 überhaupt die erste Person war, die eine reguläre Fahrprüfung abgelegt hat. Klar, dass man da vielleicht mal statt erlaubten 12 km/h auch mal aus Versehen mit 13 km/h durch die Gegend brettert. Aber Herzogin Anne d’Uzès war kein Einzelfall, was den Pioniergeist der Frauen bezüglich des Automobils angeht. Und doch dauerte es elf Jahre, bis Amalie Hoeppner als erste Deutsche ihren Lappen bekam.

Vamps fahren Bugatti

Viele Interessen­tinnen an dem neuen Gefährt waren Frauen. Natürlich mit einem gewissen Stand und Geld und das trotz der allgemeinen Ansicht, dass Frauen am Steuer eines Autos nichts verloren haben. Denn das zarte, sanfte und gepflegte weibliche Wesen hatte nichts in der Nähe eines ölspuckenden und nur mit viel Kraft zu zähmenden Ungetüms der damaligen Zeit verloren. Es war ganz einfach nicht schicklich. Die Damenwelt hat sich allerdings nicht einschüch­tern lassen und begann ab 1920 so weit es ging, selbstbe­wusst Auto zu fahren, auch wenn der Führerschein bis 1958 nur mit Einverständnis des Vaters oder des Ehemannes ausgestellt wurde. So haben Frauen die Neuerfin­dung „Auto“ nicht nur nach vorne gebracht, sondern es auch als Symbol ihrer Eigenstän­dig­keit und einer gewissen Rebellion genutzt. Ein bekanntes Beispiel dafür ist die Tänzerin Lena Amsel, die ihr emanzipiertes und rebellisches Leben als männerfres­sender Vamp mit ihrem Bugatti unterstrich, in welchem sie tragischer­weise bei einem Unfall ihr Leben ließ.

Frauen und Motorsport

Katastro­phale Straßenver­hält­nisse und sehr leichte Wagen, die mit Steinen im Kofferraum stabilisiert werden mussten, gehörten zu den Dingen, mit welchen damalige Autofahrer zu kämpfen hatten. Doch trotz erschwerter Bedingungen im Vergleich zu heute, wagten sich viele Fahrer in den Motorsport. Und auch dort gab es Pionierinnen: 1927 belegte Ernes Merck bei dem Internatio­nalen Klausenrennen, dem damalig schwierigsten Bergrennen, nach Rudolf Caracciola und dem Schweizer Hürlimann den dritten Platz und sorgte wegen ihres Geschlechts für Aufsehen. Zu den bekanntesten Motorsport­le­rinnen in den 20er Jahren zählte Clärenore Stinnes. Diese war begeisterte Renn- und Rallye-Fahrerin und tourte von 1927 bis 1929 zusammen mit ihrem zukünftigen Mann als erster Mensch mit dem Auto erfolgreich um die Welt.

Best Dressed

Dank dieser Frauen ist auf Mercedes-Werbepla­katen der 20er Jahre auch die berühmte „Frau in Rot“ im sportlichen Dress mit Hose zu sehen. Man könnte fast sagen, dass man in dieser Hinsicht im Vergleich zu den 20ern einen Rückschritt gemacht hat. Damals wurden Rennfahre­rinnen noch als Werbemotiv genutzt. Und wer hätte gedacht, dass die Eltern des Pin-up-Modells Zoe Scarlett eine Werkstatt für US-Cars betrieben? Natürlich wieder niemand, klischee­lastig eben. Aber sie bleibt wahrschein­lich nicht die letzte Frau in Rot, die an ihrem Auto lehnt.

Jetzt Car Story auf Facebook teilen