Car Stories: der 55er Chevy Bel Air Dragster.
Car Stories

Bel Air Dragster

Von Null auf Hundert unter zwei Sekunden

Der Bel Air Dragster schießt Micha Vogt auf der Viertelmeile nach vorne. Der preisgekrönte Dragster-Fahrer ist schon seit seiner Jugend absoluter Geschwindigkeitsfanatiker. Zusammen mit seinem Team – den Race Antz – ist er fester Bestandteil der Rennszene.

06. August 2015

Der 55er Chevy Bel Air ist der schnellste, straßentaugliche Wagen in ganz Deutschland. Micha „Fullspeed“ Vogt ist seit sechs Jahren stolzer Besitzer und hat diesen Bel Air zusammen mit seinem Race Antz-Team und dem Crew Chief Herman Loehr zu dem gemacht, was er heute ist: ein Tempomonster, das in 7,7 Sekunden von 0 auf 300 beschleunigt. Ob der gebürtige Celler damit auch mal Brötchen holen fährt? Nein, dafür nimmt er lieber seinen Hot Rod – den 41er Willys. Der hat 1000 PS: „Damit fahre ich dann auch mal in die Stadt oder so“. Von zu viel Schnickschnack am Auto hält er nichts. Es muss „rough“ sein – also lieber matte und gedecktere Farben: „ Ich hatte nie Bock auf Chrom und Polieren.“ Auch gegen Rostlöcher hat er nichts einzuwenden, solange der Motor stimmt. So hat Vogt auch das Überraschungsmoment auf seiner Seite.

Aus dem Schatten auf die Piste

Micha Vogt startete mit illegalen Straßenrennen. Da war er 19 Jahre alt. Aber irgendwann wurde es ihm dann zu gefährlich „Anfangs sind wir immer in Gewerbegebieten oder Häfen gefahren – dort wo keine Leute sind.“ Die anderen Fahrer hat es aber mehr und mehr in die Innenstadt getrieben. Da hat der Spaß für ihn aufgehört. „Das wollte ich nicht. Denn so ein Auto ist ja dann echt ‘ne Waffe.“ Unbeteiligte zu gefährden, kam für Vogt nicht infrage: „Dann erschlägt‘s einen, der daneben steht. Da wirst du doch deines Lebens nicht mehr froh.“

„Das ist einfach eine unglaubliche Macht.“

Von da an ging es für den mittlerweile 45-Jährigen nur noch auf die legalen Rennstrecken in England, der Schweiz, Schweden und Deutschland – und das jetzt schon seit 20 Jahren. Sein erstes Rennen ist er auf dem Hockenheimring gefahren. Nach der Beschleunigung ist er süchtig geworden: „Was man aus einem Stück Metall – also aus dem Motor – alles rausholen kann ... Das macht für mich den Reiz aus.“ Immer wieder eine Zehntelsekunde mehr rauszukitzeln und ein Hundertstel schneller zu werden, das weckt seinen Ehrgeiz. Euphorisch wird Vogt auch, sobald er von dem Moment erzählt, in dem die Ampel auf Grün schaltet und er den Transbrake-Knopf loslässt. Da gehen 5000 Umdrehungen mit 2500 PS direkt auf die Hinterachse. Eine Wucht, die einem den Atem raubt: „Wenn es dich so brachial nach vorne und zur Seite fährt – ja, das ist der Rausch der Geschwindigkeit.“ Aber Respekt vor dem, was passieren könnte, hat er allemal. Nicht ohne Grund! Seine Liebe zur Geschwindigkeit und Autos ist ihm einmal fast zum Verhängnis geworden: Das Getriebe ist während der Fahrt geplatzt und sein Wagen hat sich überschlagen, nachdem er auf einer Ölspur ausgerutscht ist. Passiert ist ihm Gott sei Dank nichts. Er hatte Glück im Unglück.

„Fullspeed-Junkie“

Den Spitznamen „Fullspeed“ hat sich Micha Vogt 2005 bei einem sensationellen Manöver verdient. Mit seinem Hot Rod wollte Vogt alles aus dem Wagen rausholen und gab dann etwas zu viel Gas und ließ die Kupplung zu schnell los. Nachdem der Wagen vorne in die Luft ging, riss durch die Wucht des Aufpralls auf den Boden eines der Räder ab. „Da habe ich den zweiten Gang reingemacht und voll durchbeschleunigt, damit der Wagen vorne ein bisschen abhebt.“ So ist Vogt dann auf drei Rädern über die Viertelmeile gebrettert: „Ich gehe halt ungern vom Gas“, sagt er. Danach ging es ihm aber ziemlich mies. Die ganzen sechs Jahre und all die Mühe und harte Arbeit, die der Hot Rod zum Aufbau benötigt hat – und dann das. Aber die Reparaturen waren dann doch nicht so langwierig wie gedacht. Vogt ist nämlich selbst Mechaniker und importiert mit dem Race Antz-Shop US-Cars, baut sie um, restauriert und verkauft sie dann wieder. Nebenbei besitzt er auch noch ein Sportstudio – seine andere Leidenschaft. „Das ist ein ganz cooler Ausgleich für mich.“ Freizeit hat er nicht viel. An einem für ihn perfekten Wochenende fährt er mit seiner Freundin, die übrigens selber einen Dragster fährt, und seinem Team auf die Rennstrecke und kommt in seiner Klasse möglichst weit. Ein „Fullspeed-Junkie“ eben – sowohl am Pedal als auch im Alltag.