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ErfahrungsberichteWinterreifen

Pneus, Profil und Polar­licht

Lesezeit ca.: 7 Minuten

Worauf kommt es bei Winterreifen an? Wie testet man Reifen? Continental lud zu einem Workshop im ewigen Winter Finnlands.

16. Dezember 2015

Anfang Dezember am Ende der Welt. Es ist kalt und bereits um 16 Uhr stockdunkel. Der Flughafen der Gemeinde Kittilä in Finnland liegt 170 Kilometer nördlich des Polarkreises, mitten im tiefverschneiten Nirgendwo. Das Terminal ist ein flaches Gebäude, das, von gelblichen Scheinwer­fern beleuchtet, im dichten Schneetreiben wirkt wie ein Ufo. Das Thermometer am Flughafen­ge­bäude zeigt minus sieben Grad. „Eigentlich zu warm für diese Jahreszeit“, erklärt ein Continental-Mitarbeiter. „Im Dezember sind minus 20 Grad normal – und für unsere Arbeit hier optimal.“ Mit dem Bus geht es vom Flughafen aus in das 20 Kilometer entfernte Levi, ein beliebtes Skigebiet. Der 531 Meter hohe Berg Levi strahlt mit seinen grellerleuch­teten Skipisten wie ein Leuchtturm im schwarzen Nichts. Doch Skipisten sind nicht das Ziel der Reise. Die Fahrt endet im Wald. Autoschein­werfer huschen durchs Dunkel, im Licht tauchen Bäume, Schneewehen und orange-schwarze Werbebanner mit dem Schriftzug „Continen­tal“ auf.

Der Reifenher­steller, einer der großen weltweit tätigen Zulieferer, hat in den spärlich besiedelten Norden Finnlands eingeladen, um die Funktion und Bedeutung von Winterreifen zu demonstrieren. Dafür sind Reifenent­wickler und Testfahrer aus Hannover angereist, haben aufwendige Parcours abgesteckt und Testfahr­zeuge mit den unterschied­lichsten Reifentypen ausgestattet. An diesem Nachmittag, vor allem aber auch am folgenden Tag können Automobi­l­ex­perten und Journalisten lernen, wie unterschied­lich Reifen auf Schnee und Eis reagieren – und wie wichtig die passenden Pneus für winterliche Fahrverhält­nisse sind.

Für ab acht Uhr am nächsten Morgen sind die wichtigsten Fahrprüfungen angesetzt. Sonnenauf­gang? Fehlanzeige. Die Sonne wird sich frühestens ab Mittag für ein paar kurze Stunden über die Wipfel der dünnen Fichten erheben und die Szenerie in ein milchiges, diffuses Licht tauchen. Nördlich des Polarkreises sind die Nächte im Winter lang, die Tage kurz. Es geht zur ersten Testfahrt: Fahren auf Schnee über einen Rundparcours, erst mit, dann ohne Winterreifen. Vorsichtig, dann immer mutiger geht es auf Winterreifen durch die ersten Kurven. Das Fahrzeug hält sich gut in der Spur der engen Teststrecke.

Keine Chance ohne Winterreifen

In die nächste Runde geht es ohne ESP, jenes System, das durch gezieltes Abbremsen einzelner Räder das Ausbrechen des Wagens verhindert. Auch das ist noch einigermaßen zu bewältigen – solange kein Elch die Fahrbahn kreuzt. Doch dann kommen Sommerreifen. Auf der 
Geraden drehen die Reifen zwar ein wenig durch, aber es geht noch voran. Schon in der ersten Linkskurve aber ist Schluss, der Lenkeinschlag zeigt keinerlei Wirkung. Das Auto rutscht geradeaus in den Schnee. Zurück im Rund, fahren wir im Schleich­gang weiter – der Respekt vor den Straßenbe­din­gungen ist deutlich gestiegen. An den 
anderen Stationen sieht es nicht anders aus: Eis-Parcours und Bremsver­halten – mit Winterreifen gut zu bewältigen, ohne so gut wie gar nicht. Das ist zwar keine neue Erkenntnis. Doch den Teilnehmern ist anzumerken, dass das Erleben „am eigenen Leib“ doch etwas Besonderes ist.

Und nicht nur das Rutschen auf Sommerreifen ist für die Teilnehmer ungewöhn­lich. Auch die Lichtver­hält­nisse sind es. Doch gibt es Menschen, die pro Jahr mehr als 160 Tage hier oben im Norden verbringen – und nicht etwa zum Skifahren, sondern zum Autofahren. Einer von ihnen ist Angelo Pérez-Riemer. Er ist Reifentester bei Continental. „An die Dunkelheit gewöhnt man sich nie“, sagt Pérez-Riemer. „Man merkt nach kurzer Zeit, dass sich die Stimmung ändert.“ Die beste Maßnahme dagegen: Sport treiben. „Wenn ich mich nicht jeden zweiten Tag richtig verausgabe, kommt nach ein paar Tagen der Winterblues“, erzählt er lachend.

Allerdings bleibt für den Blues sowie kaum Zeit – zu ausgefüllt ist der Job des Reifentes­ters. Meist arbeitet Angelo Pérez-Riemer in Arvidsjaur in Schweden, dem Haupttest­zen­trum von Continental. Um ideale Testbedin­gungen zu garantieren, hat Conti mehrere Standorte für die Winterrei­fen­tests zur Auswahl. Arvidsjaur liegt im schwedischen Lappland. Dort startet im Dezember die Saison für Winterrei­fen­tests. Die Region rund um das 6.500-Seelen-Örtchen wird jeden Winter zum Mekka der Automobil­in­dus­trie. Reifenent­wickler, Automobil­her­steller, alle kommen in den hohen Norden für die fünfte Jahreszeit, die Testsaison. Für die Region ist das eine willkommene Abwechslung, da sich außerhalb der Testphase allenfalls ein paar Angler oder Individu­al­tou­risten in das verschla­fene Örtchen verirren. Die Hauptstraße säumen rote Holzhäus­chen, es gibt eine Tankstelle, einen kleinen Supermarkt, einen Friseur und eine kleine Pizzeria.

Reifentests: Mensch statt Maschine

Warum aber zieht es die Reifenent­wickler überhaupt ins Nirgendwo, in Zeiten, in denen jeder Test theoretisch auch am Computer simuliert werden kann? „Wir übernehmen das, was Computer nicht leisten können. Wir entscheiden darüber, was sicher ist und was nicht, wo nachgebes­sert werden muss. Das kann man nur am eigenen Leib erfahren“, erklärt der Testinge­nieur den Reiz seines Traumberufs. Bei den Testmethoden werden grundsätz­lich objektive und subjektive Verfahren unterschieden. Die objektiven erledigen Messgeräte, die subjektiven der Mensch. Pérez-Riemer ist selbst durch Zufall Testinge­nieur geworden. Während eines Praktikums bei Ford hatte er bemerkt, dass er ein feines Gespür für Reifen hat – und ging zu Continental. Er lacht und erzählt: „Im Nachhinein habe ich erfahren, dass auch meine Großmutter bereits bei Conti in Hannover gearbeitet hat, im Reifenwerk.“

In Arvidsjaur testet Pérez-Riemer mit seinem Team in einer Wintersaison von Dezember bis April rund 400 verschie­dene Entwicklungs­reifen. Dabei verbringt er fünf bis sechs Stunden täglich hinter dem Lenkrad. Hinzu kommen Vor- und Nachberei­tung der Tests, denn die Arbeit geht schon viel früher los. „Zunächst müssen wir uns klarmachen, was das Produkt später leisten soll“, erklärt der Conti-Ingenieur. Denn die Anforderungen an Winterreifen sind höchst unterschied­lich. Je nach klimatischen Bedingungen müssen sie das Auto auf trockenen, nassen, verschneiten oder vereisten Straßen in der Spur halten. Die Temperaturen schwanken dabei etwa zwischen dem Gefrierpunkt und minus 30 Grad. Die Reifen müssen in Profilge­stal­tung, Gummimischung und in der Zusammen­set­zung ihrer einzelnen Komponenten auf ihr Einsatzge­biet zugeschnitten werden – ob sie für mittel- » europäische Winter oder eher für den arktischen Winter in Lappland geschaffen werden. Dabei gibt es immer einen Zielkonflikt zwischen Straßenhaf­tung, Rollwider­stand, Abrollge­räusch und Gewicht des Reifens.

Die Tester sprechen ihre eigene Sprache

Wenn klar ist, was das künftige serienreife Produkt alles können muss, entscheidet Pérez-Riemer zusammen mit den Ingenieuren, welche Tests für diesen bestimmten Reifen sinnvoll sind. Erst dann geht es auf die Schneepiste. „Häufig testen wir in der Nacht, weil die Bedingungen dann konstanter sind. Man hat keine Sonnenein­strah­lung und keine Temperatur­un­ter­schiede wie tagsüber.“ Ein Leben im Dunkeln also. Nach einer Testfahrt werden die Ergebnisse an die Entwicklungs­in­ge­nieure weiterge­geben. Damit die genau wissen, was die Tester am Reifen zu beanstanden haben, gibt es einen Katalog mit etwa 70 Standard­be­griffen, die quer durch die Industrie genormt sind. „Es gibt für jedes fahrdyna­misch auftretende Problem einen Begriff. Mit dieser Sprache verhindern wir, dass man aneinander vorbeire­det“, erklärt Pérez-Riemer. „Trailing rear“ etwa bedeutet, dass die Hinterachse hin- und herschlin­gert wie die Schwanzflosse eines Fisches.

Reifentester, das ist ein Beruf mit Zukunft. Stete Weiterent­wick­lungen in der Automobil­in­dus­trie fordern auch Reifen immer neue Qualitäten ab. „Die Fahrzeuge wandeln sich. Hybridfahr­zeuge mit zwei Antriebs­sys­temen beispiels­weise erfordern neue Reifentech­no­lo­gien mit anderen Steifigkeiten und Kraftüber­tra­gungs­funk­tionen als noch vor einigen Jahren“, erklärt Pérez-Riemer. Und weil Karosserien immer aerodyna­mi­scher und somit geräusch­ärmer werden, das Motorenge­räusch etwa beim Elektroan­trieb ganz wegfällt, müssen auch die Reifen immer leiser werden. „Reifen werden sich immer der Entwicklung der Fahrzeuge anpassen, bei der Reifenent­wick­lung gibt es nie Stillstand“, so Pérez-Riemer.

In Finnland sind die Testfahrten für das eingeladene Fachpublikum nun vorbei. Zum stimmungs­vollen Abschied leuchten über den Wipfeln grüne und gelbe Polarlichter. Plötzlich ist Levi, weit nördlich des Polarkreises im arktischen Winter gelegen, der schönste Ort der Welt. Am Flughafen liegt das Rollfeld in magisches Lichterspiel getaucht. Das Thermometer zeigt jetzt minus 20 Grad, es ist kälter geworden. Für die Tester von Continental eine gute Nachricht.

Ausgabe 2015/04

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