Image: Todesmutig auf Indian Scouts im „Original Motodrom“M PlanM PlanDonald Ganslmeier mit seiner „Indian“ – dem besten Bike zum Steilwandfahren. | Pixeleye Industries // Dirk Behlau
Car StoriesDie älteste reisende Steilwand

Todes­mutig auf Indian Scouts im „Original Moto­drom“

Lesezeit ca.: 4 Minuten

Im beschauli­chen Ort Alling, etwa 25 Kilometer von München entfernt, idyllisch in Reichweite des Ammersees gelegen, ist sie nun zu Hause: die älteste Steilwand der Welt, die sogenannte „Wall of Death“. Auf gut deutsch: die Todeswand. Falls sie nicht gerade tourt. Seit 1928 ziehen todesmutige Motorrad­fahrer in der hochwandigen Holztrommel ihre Runden auf Bikes, begleitet von den ungeheuren Fliehkräften in der Steilwand und bestaunt von ungläubigen Jahrmarkt­be­su­chern. Heute betreibt Steilwand­fahrer Donald Ganslmeier von Alling aus das „Original Motodrom“, wie er die geschichts­träch­tige Steilwand getauft hat, und tourt damit zu Events.

27. November 2017

Die Steilwand von der wir hier sprechen, hat nichts mit Felsen und Klettern im Berg zu tun. Es handelt sich um eine Jahrmarktat­trak­tion aus alten Zeiten. In einer riesigen Trommel aus Holzlatten, mit einer Höhe von bis zu 5 Metern und einem Durchschnitt von bis zu 10 Metern, fahren unten Motorräder an. Diese ziehen ihre Runden immer weiter hoch bis sie tatsächlich an der Wand im Kreis herumfahren. Eine extreme und wahnsinnig gefährliche Zweirad-Akrobatik, meist auf Indian Scouts vorgeführt, einem amerikani­schen Motorrad. Möglich macht den wilden Ritt an der senkrechten Wand die Fliehkraft. Bei etwa 45 Km/h wirkt der Anpressdruck auf Bike und Fahrer so, dass sie nicht von der Wand herunter­fallen können. Der Fahrer muss dabei einen enormen Druck durch die Zentrifu­gal­kraft aushalten können. Klassischer­weise ist das Steilwand­fah­rern ein Schaustel­ler­beruf. Steilwände waren immer schon Bestandteil von Jahrmärkten. Auch das „Original Motodrom“, 1928 von einem Münchner Schausteller und Betreiber von Holzachter­bahnen in Auftrag gegeben, gastierte als „Todeswand“ oder „Steile Wand“ in den 1930er-Jahren in vielen deutschen Städten.

In den 1950er Jahren hatte die Steilwand einen Auftritt im Film „Die Todesarena“. Nach weiteren Besitzer­wech­seln ist sie heute als „Original Motodrom“ unterwegs mit der Truppe „Motorellos“. Aber dazu später mehr…

Die Wall of Death – nichts für Weicheier

Steilwand­fahren ist definitiv nichts für Warmduscher. Großer Mut und die Entschlos­sen­heit, das hohe Verletzungs­ri­siko eingehen zu wollen, sind Grundvor­aus­set­zung für den gefährli­chen Job. Ein weiterer wichtiger Punkt im Anforderungs­profil eines Steilwand­fah­rers ist ein extrem hohes Maß an Konzentra­ti­ons­fä­hig­keit. Die Steilwand quittiert schon leichte Unaufmerk­sam­keiten mit lebensbe­droh­li­chen Konsequenzen: dem Absturz in den Kessel oder das Hinausfliegen am oberen Rand. Letzteres ist übrigens auch für die Zuschauer gefährlich. Und auch wenn Steilwand­fahrer so aussehen, als würden sie es auf Partys gerne mal krachen lassen, so müssen sie körperlich absolut fit sein. In der Wall of Death wirken die Fliehkräfte mit dem Drei- bis Vierfachen des Körperge­wichts auf die Fahrer ein. Das ist äußerst anstrengend. Es ist übrigens üblich, vor den Veranstal­tungen einen Klingelbeutel unter den Besucher herumgehen zu lassen, um so eventuell anfallende Unfallkosten der Fahrer zumindest ein wenig abzudecken. Denn Hochseil­a­kro­baten, Raubtier­domp­teure und Steilwand­fahrer haben eines gemeinsam: Keine Unfallver­si­che­rung der Welt versichert sie.

Eine „Indian“ ist das Bike der Wahl fürs Steilwandfahren.

Donald Ganslmeier und die Motorellos

Die meisten Menschen, auch die Risikofreu­digen unter den Motorrad­fah­rern, dürften nun wohl komplett abgeschreckt sein vom Steilwand­fahren. Nicht so Donald „Don Strauss“ Ganslmeier, der weltweit übrigens auch schon alle Unfallver­si­che­rungen angeschrieben hat und nur Absagen erhielt. Seine Liebe zum Steilwand­fahren begann im zarten Alter von sechs Jahren. Mit seinem Großvater besuchte er einen Jahrmarkt im bayrischen Landshut. Der kleine Donald war absolut fasziniert von der Steilwand und fortan infiziert. Das Steilwand-Handwerk lernte er von der Pike auf in England bei Ken Fox, einer Steilwand­le­gende. Heute tritt Don Strauss zusammen mit Clemens Schöne, der zunächst bei der Restaurie­rung der Steilwand mithalf (um dann auch zum Fahrer zu werden) und Kara Santana als die Motorellos in der Steilwand auf. Im Mittelpunkt der Show stehen Tricks und Akrobatik sowie ein Verfolgungs­rennen mit drei Bikes. Das beste Bike dafür ist nach wie vor die Indian Scout mit ihrem extrem robusten Fahrwerk, dem optimalen Schwerpunkt in der Wand und dem ruhig laufenden Motor. Kara Santana, seit dreißig Jahren übrigens die erste Frau in der Steilwand, bevorzugt eine Honda für ihre Begrüßungs­fahrt in der Trommel. Neuerdings ist auch ein BMW Dixi mit dabei, ebenso wie die Steilwand Jahrgang 1928.

Das Original Motodrom – Die älteste Steilwand der Welt

Donald Ganslmeier ist nicht nur ein harter Knochen, sondern auch Bewahrer und Betreiber der geschichts­träch­tigen Steilwand (-tradition). Und das kam so: Nach 18 Jahren Steilwand­fahren war es für ihn eigentlich an der Zeit aufzuhören. Doch es kam anders. 2012 traf er einen alten Freund wieder, der – Bingo! -das Kapital für den Kauf der legendären Steilwand von 1928 hatte. Die beiden tauften ihr neuerwor­benes, aber altes Baby „Original Motodrom“. Im Namen schon der Hinweis darauf, dass diese Steilwand tatsächlich noch zu etwa 70% original ist. Vor allem der Fahrbelag ist weitgehend im Ausgangs­zu­stand und die Trommel aus dem ursprüng­li­chen kanadischen Pitch Pine-Holz gefertigt. Ausbesse­rungs­ar­beiten führt Donald Ganslmeier nur nach dem Baubuch von 1928 durch. Nun will er seine Steilwand fahren „bis sie auseinan­der­fällt“. Die Chancen stehen gut, dass das „Original Motodrom“ 2028 die 100 Jahre vollmacht.