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NewsKonstruktions-Revolution

Elek­tro­auto aus dem Baukasten

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Die E-Mobilität könnte nicht nur den Verkehr verändern, sondern auch die gesamte Autoindus­trie: Zulieferer bieten heute alle wesentli­chen Komponenten für E-Autos an – so werden Start-ups mit eigenen E-Mobilen zur Konkurrenz etablierter Hersteller.

13. Februar 2018

"Der Durchbruch der Elektromo­bi­lität kommt nicht mit den selbster­nannten Pionieren. Er kommt mit denen, die eine neue Technologie in wirklich relevanten Stückzahlen auf die Straße bringen können", so VW-Chef Matthias Müller im Herbst 2017 auf der IAA in Frankfurt. Laut der damaligen Botschaft seien nur große Autobauer in der Lage, der E-Mobilität zum Durchbruch zu verhelfen. Heute würde Müller diesen Satz vielleicht noch einmal überdenken, denn tatsächlich war es gerade für Start-ups noch nie so einfach, ein neues Elektroauto zu bauen – Belege dafür gibt es viele. Denn die großen Zulieferer bieten dafür quasi Baukasten-gerecht alle wesentli­chen Komponenten an.

Elektroautos selber bauen

Das schwäbische Weltunter­nehmen Bosch hat eine sogenannte E-Achse im Angebot, die Elektromotor, Leistungs­elek­tronik und Getriebe in einem Bauteil vereint. Weitere Fahrzeug-Komponenten wie Lenkung, Beleuchtung oder Bedienele­mente sind ebenfalls erhältlich. "Die E-Achse ist der Start-up-Antrieb für Elektroautos", sagt Bosch-Geschäfts­führer Rolf Bulander. Denn Unternehmen, die ein cleveres Konzept für ein E-Auto haben, können – und das ist neu – Bauteile wie Motoren, Getriebe und andere Elektro-Komponenten auch in geringeren Stückzahlen bei den Zulieferern ordern. Milliarde­n­e­tats für die Entwicklung fallen damit weg. Das Baukasten­system ist zudem vielfältig, da auch andere Zulieferer wie ZF, Borg Warner oder Mahle ähnliche elektrische Schlüssel­kom­po­nenten anbieten. Deren Leistung ist meist skalierbar und damit für Kleinstfahr­zeuge und Elektro-Wägelchen ebenso geeignet wie für größere Pkw-Modelle mit Elektro- oder Hybridan­trieb.

Bisher entwickelten die Zulieferer ihre Bauteile vor allem auf Geheiß der Autohersteller. Mit der Entwicklung eigener, unabhängiger Antriebs­lö­sungen ändert sich allerdings die Stellung der Zulieferer in der automobilen Wertschöp­fungs­kette grundlegend: Sie werden zu Motorenher­stel­lern – eine Fertigungs­dis­zi­plin, die bisher fest in der Hand der Autohersteller lag. Bei den E-Antrieben entwickeln die Zulieferer nun maßgeblich mit und richten sich damit nicht ausschlie­ß­lich an Audi, BMW und Co., sondern explizit auch an kleinere Unternehmen und Start-ups.

Clevere E-Konzepte für breite Käuferschichten

Ein Beispiel, wie so eine unkonven­tio­nelle Autoentwick­lung funktionieren kann, ist der Elektro-Kleinwagen e-Go, der von Studenten der Universität RWTH Aachen entwickelt wurde. Das Mobil nutzt einen 48-Volt-Antrieb von Bosch und soll ab März 2018 in Serie produziert werden. Der 3,35 Meter lange 2+2-Sitzer mit 41 PS Leistung und rund 100 Kilometern Reichweite ist ausdrück­lich für den urbanen Gebrauch gedacht und dringt damit in eine Lücke vor, die große E-Hersteller bisher nicht schließen konnten. Denn der Stromer soll abzüglich der Umweltprämie in Höhe von 4000 Euro noch 11.900 Euro kosten. Ein Preis, der vermutlich eine breite Käuferschicht ansprechen dürfte. Die Kalkulation klappt, weil die zugekauften, einbaufer­tigen Antriebs­lö­sungen immense Entwicklungs­kosten sparen. Professor Günther Schuh von der RWTH Aachen nennt als Gesamt-Entwicklungs­summe des e-Go 30 Millionen Euro: "Ein etablierter Hersteller hätte mindestens 500 Millionen Euro investieren müssen".

Wie grundlegend sich die Autobranche dadurch verändert, zeigt auch das Beispiel der Firma Streetscooter. Hervorge­gangen ist das Start-up ebenfalls aus einer Forschungs­in­itia­tive der RWTH Aachen. Dort entwickelten Studenten zusammen mit zehn mittelstän­di­schen Zulieferern einen kleinen Elektro-Laster. Das Ergebnis war ein modulari­siertes Fahrzeug, dessen Produktion sich schon bei geringen Stückzahlen rentiert. Der Streetscooter hat, je nach Ausführung, eine Reichweite von 100 bis 200 Kilometern. Der baukasten­ar­tige Aufbau ermöglicht es, einzelne Komponenten schnell und einfach zu ersetzen, was wiederum die Instandhal­tungs­kosten verringert. Vorgestellt wurde der Streetscooter-Prototyp bereits 2011. Damals verhandelte die Deutsche Post mit mehreren großen deutschen Autoherstel­lern über die Entwicklung eines schadstoff- und wartungs­armen Lieferwa­gens für die Paketzustel­lung. Alle etablierten Marken, darunter VW, Mercedes, Renault und Iveco, sagten ab, da ihnen die erwarteten Stückzahlen und der prognosti­zierte Umsatz zu gering erschienen. Schließlich nahm die Post die Sache selbst in die Hand, kaufte 2014 die Streetscooter GmbH und begann 2016 mit der Serienfer­ti­gung des Elektro-Kleinlas­ters. Inzwischen liegt die Produkti­ons­ka­pa­zität bei rund 15.000 Fahrzeugen jährlich. Gerade wird eine zweite Fertigungs­an­lage gebaut, um die inzwischen auch externe Nachfrage von Stadtwerken, Bäckereien, Gärtnereien oder Handwerks­be­trieben decken zu können. Und das nächste Modell steht schon in den Startlöchern: Noch 2018 will Streetscooter ein E-Auto mit zwei E-Maschinen präsentieren, bei dem die Batterie durch eine Brennstoff­zelle aufgeladen wird, was die Reichweite deutlich steigert.