Image: „Es geht nicht immer nur um das eigene Ziel“M PlanM PlanIn Zukunft könnte der Verkehr an Kreuzungen durch autonome, vernetzte Autos selbst geregelt werden. | Chesky_W
NewsZukunftsszenario autonomes Fahren

„Es geht nicht immer nur um das eigene Ziel“

Lesezeit ca.: 3 Minuten

Das autonome Fahren könnte nicht nur den Verkehr verändern, sondern auch die Art, wie wir über andere Verkehrs­teil­nehmer denken. Interview mit dem Verkehrs­for­scher Sven Henning von der Universität Paderborn zur Frage: "Was kommt nach dem autonomen Fahren?"

30. Juli 2018

Herr Henning, Sie beschäftigen sich in Ihrer Forschung mit der Zeit, in der autonomes Fahren bereits Alltag geworden ist. Wann wird das sein?

Das ist natürlich schwer abzuschätzen, weil es darauf ankommt, wie weit sowohl die Gesetzge­bung, als auch die Automobil­her­steller mit ihrer Technik sind. Aber ich denke, in zwanzig Jahren, oder sogar etwas früher, wird es normal sein, dass autonome Fahrzeuge auf den Straßen unterwegs sind.

Wie sieht der automobile Alltag in dieser noch recht fernen Zukunft aus?

Im Prinzip stelle ich mir das Ganze wie eine Taxifahrt vor, bei der es keinen Taxifahrer mehr gibt. Man teilt dem Fahrzeug-Computer lediglich noch das Ziel mit. Aber wie man an das Ziel kommt, bleibt dem Fahrzeug überlassen. Es wird dann nicht unbedingt den kürzesten Weg wählen. Sondern den Weg, auf dem der Verkehr fließt, auf dem es nicht zur Staubildung kommt und möglichst alle auf dem schnellsten Wege zu ihrem Ziel kommen.

Das klingt ja fast nach sozialer Verkehrs­füh­rung…

Gewisser­maßen ja. Es geht nicht mehr darum, dass jeder immer nur sein eigenes Ziel vor Augen hat, das er natürlich möglichst schnell erreichen möchte. Auch die Ziele der anderen Verkehrs­teil­nehmer werden berücksich­tigt. Alle sollen möglichst schnell an ihr Ziel kommen. Das bedeutet aber auch, dass man vielleicht mal zwei Minuten länger braucht als gewöhnlich, damit der Verkehrs­fluss insgesamt gewährleistet werden kann. Die egoistische Perspektive des einzelnen Fahrers wandelt sich mit dem System hin zu einer kollektiven Sichtweise.

Welche neuen Möglichkeiten eröffnet der autonome Verkehr für die Mobilität von morgen?

Der Mensch als Fahrer ist ja ziemlich unvorher­sehbar. Er hat bestimmte Vorlieben, hat einen Charakter, mal gute, mal schlechte Laune – alles Faktoren, die die Fahrweise beeinflussen. Das autonome Fahrsystem hingegen ist exakt voraussehbar. Ich kann jedes Fahrzeug so fahren lassen, wie es muss, damit das gesamte System funktioniert. Dadurch entstehen völlig neue Möglichkeiten, wie beispiels­weise Straßenkreu­zungen ohne Ampelsys­teme.

Kreuzungen ohne Ampeln? Wie soll das funktionieren?

Ich nenne das ganze „aktives Kreuzungs­ma­nage­ment“. An jeder Kreuzung gibt es einen sogenannten Kreuzungs­ma­nager, der immer einen Überblick über alle Fahrzeuge hat, die gerade in die Kreuzung einfahren. Das System berechnet dann für jedes Fahrzeug den idealen Weg und die optimale Geschwin­dig­keit dafür, dass das Fahrzeug die Kreuzung ohne anzuhalten passieren kann, ohne mit einem anderen Fahrzeug zu kollidieren. Das System erfasst das Auto in meinem Modell etwa 100 Meter vor Einfahrt in die Kreuzung und bremst das Fahrzeug beispiels­weise für 30 Meter auf 40 km/h herunter und beschleu­nigt es den Rest der Strecke wieder auf 50 km/h, bis es die Kreuzung durch eine Lücke im Querverkehr passiert hat.

Das System kann also den gesamten Weg eines Nutzers von der Arbeit nach Hause vorausbe­rechnen – und weiß, an welcher Kreuzung wie viele Autos von links oder rechts kommen?

Theoretisch ist alles möglich, solange die Autos alle miteinander vernetzt sind. Derzeit beziehen sich die Berechnungen allerdings nur auf einen Bereich bis etwa zur nächsten oder übernächsten Kreuzung, zeitlich also sehr lokal begrenzt. Würde man die Reichweite der Vorausbe­rech­nung erhöhen, kämen viel mehr Unsicher­heits­fak­toren wie Fußgänger oder Unfälle dazu, die das System berücksich­tigen müsste. Man kann auch mit dem autonomen Fahren nicht alles vorhersagen oder berücksich­tigen, was passiert oder passieren könnte.