Image: Neue Varianten für MobilitätWer mobil sein möchte, dem bieten sich immer neue Varianten an. | gyn9038
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Neue Vari­anten für Mobi­lität

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Geteilte Autos, geteilte Fahrten – wer mobil sein möchte, dem bieten sich immer neue Varianten, um von A nach B zu kommen. Viele Autohersteller haben das erkannt und wandeln sich mit Car- und Ridesharing-Angeboten immer mehr zu Mobilitäts­dienst­leis­tern.

30. Juli 2019

Megatrends wie Elektrifi­zie­rung, Digitali­sie­rung oder autonomes Fahren verändern nicht nur das Automobil, sie verändern auch die Automobil­her­steller – und vor allem das Mobilitäts­ver­halten der Kunden. Der Wandel hat längst begonnen: Im vergangenen Jahr waren beispiels­weise insgesamt 2,46 Millionen Führerschein­in­haber in Deutschland als Car-Sharing-Kunden registriert; die Nutzung des Öffentli­chen Personen-Nahverkehrs (ÖPNV) nimmt zu; Bike-Sharing wird in Deutschland inzwischen von acht großen, überregio­nalen Unternehmen und zahlreichen kleineren, lokalen Firmen angeboten. Ride-Sharing, also das Bündeln mehrerer Einzelfahrten mittels cleverer Apps, nimmt Fahrt auf.

Der knappe Überblick verdeutlicht, dass das Mobilitäts­ver­halten nicht nur vielfältiger wird, sondern das neue Mobilitäts­formen zugleich ein gewaltiger Wachstums­markt sind. Pro Kopf gibt jeder Bundesbürger im Durchschnitt 2.600 Euro pro Jahr für Mobilitäts­leis­tungen aus, ermittelte die Studie „Die Evolution der Mobilität“ des ADAC und des Zukunfts­in­sti­tuts. Für Autohersteller, die sich bislang vor allem auf Entwicklung, Produktion und Verkauf von Pkw-Modellen konzentrierten, bedeutet der skizzierte Wandel Risiko und Chance zugleich. Denn einerseits dürfte die Nachfrage nach privat genutzten Autos künftig wohl zurückgehen, andererseits bieten die neuen Mobilitäts­formen auch Gelegenheit für neue Geschäfts­mo­delle.

Daimler und BMW bilden größtes Car-Sharing-Unternehmen

Daimler und BMW etwa haben das schon vor Jahren erkannt, als beide Unternehmen je ein Car-Sharing-Angebot gründeten, "car2go" und "Drive now". Anfang dieses Jahres schlossen sich die ehemaligen Konkurrenten zusammen: Das größte Car-Sharing-Unternehmen der Welt heißt jetzt "Share now" – mit mehr als 4,4 Millionen Kunden sowie rund 20.000 Autos, darunter 3.200 Elektrofahr­zeuge, in 30 Städten in insgesamt 13 Ländern. Rechnet man Buchungs­platt­formen wie "Moovel", "MyTaxi", "Clever Taxi" sowie Parkdienste ("Park now") und Ladedienste ("Charge now"), die ebenfalls zum neu gegründeten Unternehmen gehören hinzu, erreicht "Share now" sogar 40 Millionen Kunden weltweit. Damit ist klar: Daimler und BMW sind längst viel mehr als Autohersteller, sie sind Mobilitäts­an­bieter.

Und auch Europas größter Autokonzern Volkswagen hat diesen Weg eingeschlagen. So wird VW in Kürze in Berlin unter dem Markennamen "We share" ein Elektroauto-Char-Sharing mit zunächst 1.500 VW Golf E starten, weitere Städte – auch in Nordamerika – sollen folgen. In Hamburg wiederum ist VW seit April mit dem Ride-Sharing-Dienst "Moia" am Start: Elektrisch angetrie­bene, sechssit­zige Shuttlebusse können per App gebucht werden. Ein schlauer Algorithmus sorgt dafür, dass Fahrgäste mit ähnlichen Zielen gemeinsam unterwegs sind, sich die Fahrt also teilen. "Moia" wirbt damit, komforta­bler und individu­eller zu sein als der öffentliche Nahverkehr, zugleich aber auch billiger als ein normales Taxi. Man wolle, so teilt das Unternehmen mit, „bis 2025 einer der weltweit führenden Mobilitäts­dienst­leister werden.“

Mobilitäts­ge­schäft wird zur Überlebens­frage für Automobil­her­steller

Für die etablierten Automobil­her­steller könnte die strategi­sche Neuausrich­tung zur Überlebens­frage werden. Denn im Mobilitäts­ge­schäft tummeln sich längst ganz neue Unternehmen, etwa der chinesische Fahrdienst­ver­mittler Didi Chuxing (7,5 Milliarden Fahrten im Jahr 2018) oder das US-Unternehmen Uber (4 Milliarden Fahrten 2018). Auch der Google-Mutterkon­zern Alphabet mischt mit dem Fahrdienst Waymo in diesem Geschäft mit.

Und die nächste, vermutlich noch gravieren­dere Veränderung der Mobilitäts­welt kündigt sich bereits an. „Sobald das autonome Fahren in einer gewissen Breite auf den Markt kommt", sagt Stefan Bratzel, Automobil­fach­mann und Professor an der Fachhoch­schule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach, „wird das den Markt der Mobilitäts­an­ge­bote durchein­an­der­wir­beln." Dann nämlich reichen ein paar Wischer auf dem Smartphone, und ein Auto steht vor der Tür: vollauto­ma­tisch und fahrerlos.